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19.02.2001 - Rubrik: spezial 
Patricia Quinn im Interview
  

Zeitgleich zur Veröffentlichung der Rocky Horror Picture Show auf DVD tourt das gleichnamige Musical durch Deutschland. Twentieth Century Fox ließ es sich nicht nehmen, und ließ für zwei Vorstellungen Patricia Quinn einfliegen, die im Film die Rolle der Magenta spielte. Christian Bartsch und Christian Auth besuchten die Lady am 10.02.2001 für ein Exklusivinterview in Ihrem Hotel in Dortmund

 
DM:
Guten Tag Mrs Quinn. Vielen Dank, daß Sie sich die Zeit für dieses Interview genommen haben. Stört es Sie eigentlich nicht, daß man Sie immer nur zur Rocky Horror Picture Show befragt? Immerhin haben Sie in mehr als einem Dutzend Filmen mitgespielt.

Quinn: Ja, es hängt mir total zum Halse raus. Das macht mich total krank. [lacht] Nein, ich liebe es. Es ist fantastisch - 25 Jahre später und die Sache wächst immer noch. Ich schwimme einfach mit dem Strom und kann es nicht verleugnen - im Gegenteil, ich entwickle eine immer engere Beziehung zu Rocky Horror. Als ich mit der Schauspielerei anfing, wollte ich den klassischen Weg einschlagen. Ich habe zunächst in Stücken wie "Macbeth" oder "I Claudius" gespielt, das waren schon ernste Sachen. Aber, hier bin ich nun, 25 Jahre später, in Deutschland und spreche über diese DVD, die gerade von Twentieth Century Fox veröffentlicht wurde. Angefangen hat alles mit der Rocky Horror Show im Royal Court Theatre in einem Saal, der Platz für 60 Leute bot. Doch erst heute erfahre ich über die DVD, was genau sich Jim Sharman und Designer Brian Thomson so alles haben einfallen lassen. Nehmen Sie z.B. die Dinner-Party. Magenta, Frank und Riff Raff haben nie zuvor eine Dinner-Party gegeben. Sie wissen also nicht, wie man sowas macht. [lacht] Sie wissen nicht, wie man den Tisch deckt.
  


 

DM: Riff Raff gießt ja den Wein nicht nur in die Gläser, sondern verteilt ihn über den ganzen Tisch...

Quinn: Ja, aber wir wußten nicht, warum er das tat. Man hat es uns nicht gesagt. Sehen Sie, das ist ja so faszinierend. Wenn ich heute die DVD anschaue, lerne ich soviel, was ich damals einfach nicht wußte. All diese Dinge, Messer, Gabeln, Urinflaschen aus dem Krankenhaus, Marmeladengläser, der Bierkrug für Doctor Scott - die Art, wie Riff Raff das Fleisch auf die Teller wirft, den Wein [ahmt Wein nach, der über den Tisch gegossen wird] verschüttet... wir hatten einfach keine Ahnung. Und dann die Szene mit dem Tischtuch. Keiner von uns wußte Bescheid. Außer Tim Curry, der das Tuch wie ein Zauberer vom Tisch ziehen mußte, ohne die Dekoration runterzuwerfen. Es war eine Low-Budget Produktion und es war einfach nicht das Geld vorhanden, die Szene mehrmals zu drehen. Es mußte beim ersten Anlauf klappen. Tim Curry zog also am Tischtuch. Wir waren alle sehr verwundert, weil da lag plötzlich Meatloaf bzw. Eddie unter diesem Tisch. Wir wußten nicht, daß wir Eddie aßen.
 

DM: Wußten Sie eigentlich, daß dies das erste Mal ist, daß wir diese Szene in Deutschland ungeschnitten auf Video zu sehen bekommen? In allen früheren Versionen fehlte der Kamera-Zoom auf Eddie.

Quinn: [schaut verwundert] Wirklich? Man konnte Eddie nicht unter dem Tisch sehen?

DM: Doch, das schon. Aber der Zoom auf Eddie fehlte. Vielleicht war diese Szene damals einfach zu hart für den deutschen Markt.

Quinn: Nun, das war halt Kannibalismus, aber es hat gut geschmeckt. [lacht unheimlich] Ich wußte nicht, daß das so schrecklich war. Ich dachte es wäre lustig. Doch, ich denke das war schrecklich. Aber ich kann mir nichts an Rocky Horror vorstellen, was nicht schrecklich wäre. [lacht wieder]

DM: Wie erklären Sie sich eigentlich die zwei Lager von Zuschauern? Die eine Hälfte liebt den Film, die andere hasst ihn.

Quinn: Hass? Das ist ein wunderbar starkes Wort. So eine Reaktion zu haben ist toll!

DM: Normalerweise verteilt sich die Meinung über Filma ja relativ gleichmäßig. Ein paar Leute mögen ihn, andere mögen ihn nicht und wiederum andere finden ihn ok. Aber Rocky Horror spaltet die Zuschauer ja tatsächlich in zwei Lager.

Quinn: Hass ist ja bekanntlich das Gegenstück zu Liebe. Das ist eine großartige Reaktion.

DM: Aber warum passiert dies in einem so extremen Maße mit Rocky Horror?

Quinn: Nun, ich kenne nicht so viele Leute die den Film hassen. Was jedoch spannend ist: eine Freundinn von mir aus Kanada ist ein großer Fan von Rocky Horror und sie hat diesen Film ihren drei Töchtern gezeigt. Sie sind Teenager und haben diesen Film nicht verstanden. Und auch Susan Sarandon hat den Film ihrer Tochter erst gezeigt, als diese 14 war. Die Moral in Kanada und Amerika ist einfach anders als unsere. Die drei Töchter meiner Freundin haben ihn also nicht verstanden - aber der Rest der Welt. Ich kenne Vierjährige die den Fim verstehen. Als ich das Stück 21 Jahre später dann vor 2000 Leuten aufgeführt habe, war der Saal restlos ausgebucht. Letzte Nacht in Essen waren 1700 Leute da, um das Stück zu sehen. Und das ohne Stars, ohne große Namen. Sie wußten nicht, daß ich kam. [lacht]
 
Rocky Horror steht für sich selbst. Als das Stück am Broadway wieder aufgeführt wurde, gab es gute Kritiken. Als das Stück das erste Mal nach New York kam, war das nicht so. Wenn das passiert, können Sie normalerweise wieder einpacken. Aber selbst 28 Jahre später ist es immer noch ein großer Erfolg. Das ist wirklich außergewöhnlich. Am Mittwoch werde ich nach Australien reisen, dort ist gerade Mardi Gras (entspricht in etwa dem deutschen Karneval, Anm. der Red.), und die Hälfte aller Schwulen wird ebenfalls nach Australien reisen. Die andere Hälfte ist in Australien. Sie werden sich also alle treffen. Ein bißchen Karneval findet wohl auch in Köln statt. Aber vielleicht reisen die ja auch alle nach Australien. Wir gehen alle nach Australien! Twentieth Century Fox haben es möglich gemacht, daß ich auf einem eigenen Wagen mitfahren kann. Ich werde also in einem Rocky Horror Wagen an diesem Umzug teilnehmen, das wird bestimmt großartig.
 

DM: Im Making-Of erwähnen Sie eine amüsante Geschichte. Nachdem Sie den Song "Science Fiction" gehört hatten, entschlossen Sie sich, die Rolle anzunehmen. Ihr Agent riet Ihnen jedoch, sich das Skript durchzulesen - für den Fall, daß Magenta nur vier Sätze sprechen würde. Sie lasen das Skript und Magenta hatte tatsächlich nur vier Sätze zu sagen.

Quinn: Das ist richtig.
  

DM: Was empfanden Sie, als Sie den Rest lasen? Immerhin geht es um eine Menge Erotik. Little Nell (Laura Campbell) entblößt ja gegen Ende des Films sogar ihre Brustwarzen. 

Quinn: [wie aus der Pistole geschossen] Sie liebt das!

DM: Aber fanden Sie das, es war war immerhin 1975, nicht ein bißchen anstößig?

Quinn: 1975 waren wir wild! [lacht] Die Nacktszenen waren alle sehr dunkel. Das kam von der Bühne, weil wir kein Geld hatten, andere Dinge zu tun. Daher ist es eigentlich sehr geschmackvoll, weil es eher eine Art Schattenspiel ist. Als Richard und ich den Kommentartrack gesprochen haben kamen wir natürlich auch zu der Szene, wo Little Nell Frank anschreit und an ihrem Pyjama zieht. Dabei rutscht ihr eine Brustwarze aus dem Oberteil und Richard war der Auffassung, das wäre eine Art Unfall. Ich sage, sie hat es mit purer Absicht getan! Sie macht das immer. Das nennt man dann wohl Flashing ("Exhibitionismus", Anm. der Red.). Eine Freundin von mir ist Psychiaterin und sie hat ein Buch über weibliche Exhibitionistinnen geschrieben. Man denkt immer, nur Männer würden soetwas tun. [unterbricht abrupt ihren Satz und schaut fragend] Sie wissen doch was Flashing ist, oder?!

DM: Naja, z.B. total nackt in einem Football-Stadion herumzulaufen.

Quinn: Oh Nein! Nein, nein. In England bedeutet Flashing, wenn man total nackt herumläuft, dabei aber z.B. einen Regenmantel anhat und plötzlich [ahmt das Geräusch eines sich öffnenden Regenmantels nach] den Mantel öffnet [schreit laut auf] um damit Leute zu erschrecken. Was Sie meinen ist Streaking. Ja, wenn Leute nackt über ein Footballfeld laufen nennt man das Streaking.

DM: Achso. Also eher die Richtung, Frauen auf diese Art und Weise an einer Bushaltestelle aufzulauern.

Quinn: Genau. Was ich sagen wollte: meine Freundinn ist Psychiaterin und hat dieses Buch geschrieben - es geht um weibliche Flasher. Die gibt es tatsächlich. Richard sagte zu mir: "Was ist das für ein Buch? Ich muß es haben." Dieses Thema interessiert ihn, weil es so unüblich ist. Das ist es, was Little Nell wirklich... [lacht] das war jetzt nur ein Witz. Aber sie hat eine Platte namens "In The Swim" aufgenommen. Sie posiert im Video im Badeanzug und in den Outtakes sieht man, wie ihr ihre Brüste ständig aus dem Badeanzug rutschen - aus Versehen natürlich. Ganz unverhofft. [lacht] Ich mache immer solche Späße über Little Nell.

 
DM:
Denken Sie, es war riskant, damals diese Rolle anzunehmen?

Quinn: Nein. Riskant? Am Anfang?

DM: Andere Regisseure hätten Sie für ziemlich verrückt halten können...

Quinn: Als Rocky Horror herauskam, war der Film der totale Flop. Sie bekamen ihn einfach nicht verkauft. Dann kam ein cleverer junger Mann von Fox und fragte: "Wie verkaufen wir diesen Film? Wo ist das Publikum?" Keiner verstand den Film oder wußte, worum es ging. Und es ist erstaunlich: wir hatten sehr großes Glück, daß wir den Film überhaupt machen konnten. Alan Ladd jr. war gerade der Chef von Fox geworden und arbeitete an Star Wars. Er kam zu uns, sah was wir machten und sagte: "Ich will nicht, daß dieses Rocky Horror Ding gedreht wird." Er wollte die Produktion stoppen lassen. Aber er war zu spät, doch nur ein paar Tage. Das war haarscharf. Es war Gottes Gnade, daß wir den Film überhaupt machen konnten! Und wir haben ihn einfach so gemacht, wir bekamen kein Geld. 
 
Sie fragten Little Nell und mich sogar, ob wir mit dem Bus zum Studio fahren könnten. Und wir sagten: [verleiht ihrer Stimme mächtig Ausdruck] "Den Bus???!!! Kein Auto - kein Film!" So war das damals! Susan Sarandon und Barry Bostwick hatten ein Auto, aber sie waren ja auch Amerikaner. Tim Curry hatte auch ein Auto. Aber wir sollten natürlich dorthin laufen. Aber wir haben uns geweigert. Ja, so knapp war das alles. Aber es ist außergewöhnlich, was letztendlich daraus geworden ist. Dieser junge Typ bei Fox entschied nun, den Film in Greenich Village im Waverly Kino um Mitternacht zu zeigen. Und er hat den Film an den Campus zu den Universitäten gebracht, so daß alle Studenten ihn sehen konnten. 
 
Die Leute wunderten sich natürlich: "Warum läuft dieser Film um Mitternacht? Was ist das für ein Film?" Und so zog er die richtigen Leute an, die Jugendlichen und jungen Leute. Dann fing ein Mädchen aus New York namens Dori Hartley an, sich als Frank zu verkleiden. Nicht als irgendjemand anders - sie wurde Frank! Sie sprach wie er, sie sang wie er - heute macht sie die Conventions anstelle von Tim Curry. Sie ist Tim Curry! Sie ist ein perfekter Imitator. Und sie sieht aus wie er. Sie ist unglaublich. Ihr Freund Robin Lipner, er ist nicht so talentiert wie sie, Dori kann wirklich singen, trat dann wie ich auf. So fing alles an... und es blieb nicht nur bei New York. Deutschland war jedoch spät dran, genau wie England. Richard hatte gedacht, Deutschland würde diesen Film wirklich mögen, weil er so gut zur... [denkt kurz nach] ...zur deutschen Psyche passen würde. Richard war überzeugt die Deutschen würden den Film sehr schnell verstehen.

DM: Immerhin - am Ende haben wir ihn doch verstanden.

Quinn: Sie haben ihn verstanden! [lacht] Ich wußte gar nicht, daß das so schwer ist. Ich selber war auch nur ein kleines bißchen geschockt. Im Bühnenstück hatten wir keine Transsylvanier und auch kein Bett. Am Set gab es jeden Tag etwas neues zu entdecken und eines Tages sagte ich zu Richard: "Oh, schau, da ist ein Bett." Als ich dann sah, was passierte und das Frank Rocky zu Bett trug, war ich ein bißchen schockiert. Im Bühnenstück sieht man die beiden nämlich nicht zu Bett gehen. Ich habe nie darüber nachgedacht, was die wohl nachts gemacht haben. [grinst]

DM: Und dann wußten Sie es?!

Quinn: Ich wußte es ja nicht direkt, aber ich konnte darüber nachdenken. Als ich es gesehen habe, dachte ich nur: "Oh!" Ich war da ein ganz klein bißchen prüde.
   

DM: Wie lang denken Sie wird diese ganze Rocky Horror Geschichte wohl noch andauern?

Quinn: Ewig! Wenn es mich schon längst nicht mehr gibt, wird es immer noch weitergehen. Jede Generation gibt das Gefühl weiter, und dann wird Rocky Horror immer wieder neu entdeckt. Der Film altert auch nicht, er ist zeitlos. Und es ist eine wundervolle Geschichte, weil es die Geschichte von Frankenstein ist - das war schon immer eine wundervolle 

Geschichte... einen Menschen zu erschaffen, einen Mann zu machen. Und ich kenne niemanden, der den Time Warp nicht kennt. Kennen Sie ihn?

DM: [schaut verlegen] Ich habe ihn mir angesehen, aber ich weiß nicht, ob ich ihn wirklich tanzen könnte.

Quinn: Sie können das! Der Film sagt Ihnen, wie das geht.

DM: Vielleicht habe ich ja noch ein bißchen Zeit, um vor der Vorstellung heute abend ein wenig zu üben. Aber ich habe mir auch eine kleine Gemeinheit ausgedacht. Können Sie alle Dinge aufzählen, die ein waschechter Rocky Horror Fan mit zur Vorstellung nehmen sollte?

Quinn: Ja, Reis für die Hochzeitsszene, die Feuerzeuge, die für das Bob Dylan Konzert gedacht waren, die Zeitung für den Regen, natürlich auch Wasserpistolen, das Toilettenpapier... [denkt kurz nach] Was nehmen die denn sonst noch alles mit?! Ich kann mich nicht genau erinnern, aber es ist schon verrückt: In England durchsuchen sie die Fans vor der Aufführung - das kann nämlich auch gefährlich sein. Der Reis der Hochzeitsszene kann den Bühnenboden ganz schön rutschig machen. Ein anderes Mal, als ich die Usherette spielte und "Science Fiction" sang, fingen die plötzlich an, mit Reis zu werfen. Und ich dachte nur: "Ihr verdammten Idioten!!! Ihr habt das falsch verstanden!" Es war, als wäre halb China in meinem Gesicht gelandet. Und das hat weh getan. Das tat wirklich weh, kein Witz. "Hört auf damit!" Und dabei versuche ich auch noch zu singen. "Ihr Idioten", das war schon verrückt. Der Reis mußte dann natürlich ersteinmal weggefegt werden. Die Fans lieben es, all diese Dinge in die Vorstellung zu schmuggeln. Die finden schon Mittel und Wege... In Amerika ist das ganz anders. Da verkaufen die sogar den Reis vor der Vorstellung. Toilettenpapier, Wasserpistolen, all diese Dinge verkaufen sie. Die Amerikaner schrecken einfach vor nichts zurück, um Geld zu machen.

DM: Schlechte Zeiten für Schmuggler...

Quinn: Das muß echt langweilig sein! [ahmt einen Schmuggler nach] "Laß uns einfach das Toilettenpapier kaufen, wenn wir dort sind!" 
 

DM: Im Theater haben Sie "Science Fiction" gesungen, aber als der Film gemacht werden sollte, hörten Sie, daß Richard O´Brien den Song singen würde... 

Quinn: Nein. Das hab ich nicht gehört. Wenn ich das gehört hätte, dann hätte ich den Film niemals gemacht. Er war ein Dieb! Aber lassen Sie mich erzählen, wie das genau passiert ist. Ich war zu der Zeit gerade vielbeschäftigt und hatte Rocky Horror ja auch nur für drei Monate gemacht, und Regisseur Jim Sharman sagte zu mir: "Wir wollen daraus einen Film machen." Ich war also gerade eine sehr erfolgreiche, arrogante, und junge Schauspielerin - vielleicht nicht wirklich arrogant - aber wie auch immer. Er sagte: "Das Problem ist, wir werden keine Usherette haben. Das funktioniert beim Film nicht. Du wirst nicht Science Fiction singen können." Und ich sagte: "Dann werde ich es nicht machen!" Denn das war der einzige Grund, warum ich Rocky Horror gemacht hatte. Ich habe das nicht für Magenta, sondern für das Lied getan. Und er versuchte mich zu überreden, wir gingen essen und ich sagte immer wieder:
"Nein, es tut mir leid, ich werde es nicht machen." 

 
Jim bestand darauf, mir das Set zu zeigen, an dem sie drehen wollten. "Wir möchten Dir zeigen, was wir machen wollen", sagte er. Also ging ich hin und schaute mir alles an. Das Labor, das Set, die Kostüme, die Floorshow, die hatten wir nie auf der Bühne, weil das Geld nicht da war. Und ich war total begeistert. Und ich sagte: "Ja, ich will das machen! Vergiß den Song. Ich mach´s."   Dann saß ich irgendwann im Auto mit Tim Curry und Richard O´Brien und wir waren auf dem Weg zum Studio. Ich saß in der Mitte, Tim links von mir, Richard rechts. Tim sagte: "Richard, mal ganz nebenbei, wer singt eigentlich Science Fiction?" Und Richard antwortete: "Ich." "Du Bastard! Du Bastard!!", antwortete ich. Und ich werde ihm niemals vergeben. Wir drehten die erste Szene vor der Kirche und da lief dieses Playback von "Science Fiction". Ich weiß nicht genau warum, das hatte was mit der Arbeitsweise beim Film zu tun. Über das Feld hörte man also: [fängt an zu singen] "Michael Rennie was ill the day the earth stood still", Richards Version des Songs. Und ich stand da als American Gothic (Parodie auf ein Bild von Grant Wood, Anm. der Redaktion) mit einer Mistforke, es war eisig kalt. Richard sagte: "Hör Dir diese Stimme an!" Ich habe Ihn dafür gehaßt! Richard sagte mir 25 Jahre später - jetzt wissen Sie, wofür DVDs gut sind - daß er niemals wußte, daß er es sein würde, der den Song singen sollte. 
 
25 Jahre war ich deswegen "böse" auf ihn. Aber nur wegen dieser Geschichte.   Am letzten Tag des Drehs gab es dann die Ansage, daß alles im Kasten wäre und Jim Sharman bedankte sich bei allen für die gute Zusammenarbeit. Er kam zu mir, um mir von einer Idee zu erzählen. Jim fragte mich, ob ich das Man Ray Bild mit den Lippen über Hollywood kennen würde. Ich kannte das Bild nicht. Er erklärte mir, daß dort ein Mund über dem Himmel des Hollywood-Schriftzuges zu sehen sei. Ich habe mir dann später in New York ein Poster von diesem Bild gekauft. Richard erklärte mir, daß er eine Aufnahme von eben so einem Mund machen wollte, der dieses Lied singt. Einfach nur ein paar Lippen, ohne Körper. Ich war entsetzt: "Mein Mund und SEINE Stimme?! Wieviel Geld bekomme ich dafür?" Es war natürlich kein Geld mehr für diesen Mund übrig. Ich hatte zu der Zeit dann auch schon ein neues Engagement und mußte also für diese Aufnahmen wieder in die Elstree Studios fahren. Das ganze Studio war leer, nur ich war dort, um diese Aufnahmen zu machen. Das war insgesamt schon recht traurig und einsam. 
 
Sie haben mir dann mein gesamtes Gesicht schwarz angemalt. Sie müssen bedenken, damals gab es die Technik von heute ja noch nicht und es hatte noch niemand einen körperlosen Mund gefilmt. Sie überlegten also erstmal, wie sie das überhaupt machen konnten. Sie malten also mein Gesicht und meinen Mund an und warfen von oben ein Tuch über die Kamera, in das sie ein kleines Loch schnitten. Wir fingen an zu filmen, ich sang und Jim sagte mir, was ich zu tun hatte: "Leck Dir über die Lippen, streck die Zunge raus!" Das Problem war, daß wenn ich mich auch nur einen Zentimeter zur Seite bewegte, war mein Mund aus dem Bild. Daraufhin steckten Sie meinen Kopf in eine Art Klemme um ihn zu fixieren. Normalerweise schrauben sie damit Lampen am Set fest, nun benutzten sie diese Klemme, damit ich meinen Kopf nicht bewegte. Zu dieser Zeit hatte ich dann auch noch eine Affäre, worüber mein Ehemann ziemlich aufgebracht war. Er rief den ganzen Tag im Studio an um mich zu sprechen. Ich steckte jedoch in dieser Klemme und konnte mich nicht vom Fleck bewegen. Mein Mann und ich machten eine wirklich schlimme Zeit durch. Passenderweise sagten sie zu ihm, daß ich gerade mit meinem Mund anderweitig beschäftigt wäre und er mich in Ruhe lassen sollte...

 
DM:
Halten Sie es für möglich, daß es einen zweiten Teil von Rocky Horror geben wird, "The Rocky Horror Picture Show Part 2"?

Quinn: Nein - obwohl ich das eigentlich nicht sagen sollte. Wir haben nämlich einen Nachfolger gedreht, wir haben das schon gemacht! Der Film heißt "Shock Treatment". Ich habe dabei mitgespielt. 

DM: (Anm. der Redaktion: "Shock Treatment" ist kein offizieller Nachfolger von Rocky Horror und wird von vielen 

   

Fans auch nicht als solcher akzeptiert.) Ich meinte einen tatsächlichen zweiten Teil, die offizielle "Rocky Horror Picture Show Part 2". So wie bei Blues Brothers. Das Problem ist, daß der zweite Teil davon bei vielen Fans auf Kritik stößt, weil z.B. John Belushi nicht mehr mitspielen konnte. 
 
Quinn: Shock Treatment war der eigentliche Nachfolger für Rocky Horror. Letztendlich wurde jedoch viel am eigentlichen Skript geändert und auch Tim Curry spielte nicht mehr mit. Es gibt da eine Handlung, wo Frank zurückkommt - aber warum und wie diese entfernt wurde, weiß ich nicht. Ursprünglich sollte der Film in Texas gedreht werden, aber es gab gerade einen Streik in Hollywood und niemand arbeitete. Wir gingen stattdessen in die Wembley Studios, was natürlich nicht so prunkvoll ist. Aber Shock Treatment hat sehr tolle Songs. Bei Conventions verkleiden sich übrigens viele Fans auch wie die Charaktere, die wir in Shock Treatment gespielt haben. Wir spielten in diesem Film Doktoren und Schwestern, aber das war natürlich nicht annähernd so sexy. Das eigentliche Geheimnis hinter Rocky Horror war glaube ich die Idee, einen Menschen zu erschaffen. So wie in Mary Shelleys Frankenstein.

DM: Ehrlich gesagt glaube ich nicht, daß man das Geheimnis von Rocky Horror auf einen Nachfolger übertragen kann.

Quinn: Ja, das ist schwierig. Trotzdem hoffe ich, daß Richard soetwas kann. Es ist sehr schwer, etwas wie Rocky Horror zu haben und noch etwas draufzusetzen. Wissen Sie, was ich meine? Ein Andrew Lloyd Webber kann ewig weitermachen. [lacht] Es muß sehr frustrierend für Richard sein, weil er so talentiert ist. Er ist ein Genie. Aber wenn man sowas spezielles macht, ist es schwer, das zu toppen.

DM: Ja, es ist sehr schwer, sich selbst zu überbieten. Ich habe das auch schon von Musikern gehört. Es muß sehr schwer sein, von der ersten Komposition bis zum fertigen Mix das Gefühl des Songs beizubehalten. Manchmal ist die allererste Fassung einfach die Beste.

Quinn: Das ist es, was ich denke. Ich kenne die Zutaten, die in Rocky Horror stecken. Das ist auch so toll an der DVD, weil ich durch die Interviews die Sichtweisen von allen anderen erfahren habe, z.B. Meatloafs Geschichte. Auch Jim Sharmans Inspiration aus einem Godard Film, wo sie einen Tanz in einem Cafe machen. Das war die "Vorlage" für den Time Warp. Aber was war Ihre Frage nochmal?
   

DM: Wir waren bei den Musikern und ihren ersten Einfällen.

Quinn: Achja. Der erste Eindruck ist der Beste, oder wie sagte man doch gleich... Genau wie wenn man Leute sieht, die ebenfalls auf der Bühne den eigenen Part spielen. Die findet man großartig, aber nur wir kennen das Geheimnis des Originals. Jeder Regisseur bringt auch wiederum seine persönliche Note mit ein. Wir kennen das Geheimnis, weil wir diejenigen sind, die es "geboren" haben. Wir haben das geschaffen, wir haben diesen Menschen erschaffen. Ich habe mir andere Shows angesehen. Die Zuschauer sind immer noch begeistert, aber es ist halt nicht die Show, die wir gespielt haben.
 

DM: Was halten Sie von der Show, die wir heute Abend sehen werden? Sie habe ja bereits gestern eine Aufführung miterlebt.

Quinn: Es ist verblüffend. Ich weiß nicht, ob Frank von dem gleichen Darsteller wie gestern gespielt wird, der kürzlich in Los Angeles einen Preis als bester Frank-N-Furter-Darsteller bekommen hat. Ich weiß leider seinen Namen nicht, aber ihn würde ich heute Abend gerne spielen sehen. Was lustig ist: Wenn Sie Tim Curry sehen, dann wirkt er eher wie ein Bankkaufmann. Sehen Sie, Nellie ist immer noch Nellie, ich bin hoffentlich ebenfalls noch die Person, die ich war und auch Richard ist immer noch Richard. Tim war da schon immer eher ruhig, zurückhaltend und ein sehr angenehmer Mensch. Damals hatte er natürlich dieses lockige Haar, aber heute ist er, sagen wir, erwachsen geworden.

DM: Denken Sie, Tim Curry könnte Frank-N-Furter heute wieder spielen.

Quinn: Er könnte, aber er will nicht. Er ist wohl zu alt. Prinzipiell könnten wir alle das Stück nocheinmal spielen, wir haben es ja auch auf der Bühne gespielt. Als ich wieder auf die Bühne gegangen bin, habe ich mit Kids gespielt, die alle Mitte Zwanzig waren. Ich verrate Ihnen nicht, wie alt ich bin, aber ich war schon älter als die Jungs und Mädels von heute, als ich das Stück damals zum ersten Mal gespielt habe. Heute sind das alles durchtrainierte Darsteller, die ständig nur stilles Wasser trinken. Schrecklich. Wir waren ein bißchen dekadenter.

DM: Vielleicht war es das, was den Reiz des Films ausmacht.

Quinn: Ja, wir waren viel interessanter [lacht schelmisch]

DM: Was mögen Sie eigentlich am meisten an der DVD?

Quinn: Nun, ich mag Richards und meinen Kommentar. Ich denke, der ist lustig. An einem Abend wollte ich auf eine Dinner-Party gehen und wollte mir eigentlich nur ein kurzes Stück ansehen. Aber ich konnte nicht gehen, irgendwie mußte ich mir den gesamten verdammten Film anschauen. Ich habe mich ständig gewundert: "Haben wir das gesagt? Haben sie das dringelassen?" Ich dachte, sie würden unseren Kommentar hinterher schneiden und bearbeiten. Der ist manchmal schon ein bißchen "gefährlich". Ich war erstaunt - sie haben nichts verändert. Ich kenne Richard schon so lange, daher war die Diskussion mit ihm so, als würde man mit Bruder oder Schwester reden. Wir tranken eine Flasche Wein - Richard bestand darauf. Genauso wollte er es haben. Am Ende fragt Richard dann: "Sollen wir unsere Sachen ausziehen und ein bißchen Spaß haben?" "Ok", sagte ich.
  

DM: Mrs Quinn, haben Sie noch eine Empfehlung für Rocky Horror Newbies, die den Film zum allerersten Mal sehen?

Quinn: Eine Nachricht für...?

DM: Newbies,...

Quinn: Jungfrauen?

 
DM:
Wenn Sie es so nennen wollen. Newbies ist im Netz die Bezeichnung für Personen, die eine Sache zum ersten Mal erleben oder ausprobieren. 

Quinn: Also gemäß des Rocky Horror Vokabulars nennen wir sie Jungfrauen. Es verhält sich wie mit Brad und Janet. Nachdem sie das Haus betreten haben, kommen sie ein kleines bißchen anders wieder heraus. Deshalb sage ich zu allen Jungfrauen: "Seht es Euch an, Be It and don´t Dream It!"

DM: Mrs Quinn, vielen Dank für das interessante Gespräch.
 
 



 

Im Anschluß an das Interview ließ es sich Digital Movie Chefredakteur Christian Bartsch nicht nehmen und bat Mrs Quinn darum, ihm für die kommende Vorstellung Nachhilfeunterricht für den "Time Warp" zu geben. Dabei bewies die Lady, daß Sie nichts verlernt hat. Im Gegenteil - Mrs Quinn legte ein dermaßen hohes Tempo vor, daß unser Marathoninterviewer reichlich Mühe hatte, dem Crashkurs angemessen zu folgen.
 

Interview: Christian Bartsch
Fotos: Christian Auth
 
Die Redaktion bedankt sich bei Twentieth Century Fox Home Entertainment für die freundliche Unterstützung